Casaglia: Die Geschichte von Lucia Sabbioni (18 Jahre)
«Sie klopften an das Tor und kamen in die Kirche herein. Ich drehte mich um und sah sie mir an: um ihre Taille trugen sie Gürtel mit Patronen. Sie näherten sich dem Altar und Don Ubaldo hörte auf zu beten und fing an, mit ihnen zu sprechen. Ich verstand sie nicht. Ich blickte sie an und sah, dass sie wütende Gesichtsausdrücke hatten, die keine Hoffnung übrig ließen. Das einzige Wort, das ich verstand, war: kaputt. Dieses Wort kannte ich gut, weil mein Vater, der drei Jahre in Deutschland gearbeitet hatte, etwas Deutsch gelernt hatte und wenn er wütend auf uns war, verwendete er dieses Wort. Es bedeutete: Ich bringe dich um!
Sie zwangen uns hinauszugehen. Ich war schon bei der Tür, als ich mich umdrehte und Vittoria aus Cà Baguzzi sah, ein schönes Mädchen, sie war gelähmt, in einem Rollstuhl. Ich kannte sie gut: Oft ging ich zu ihr, um Ricotta zu holen – den machte sie selbst – und um die Feste der Familie Nanni zu besuchen. Es war eine große und liebe Familie. Die Deutschen zwangen sie zu gehen, sie stießen sie mit ihren Gewehrläufen und schrien: „Raus! Raus!“ Sie antwortete verzweifelt: „Seht ihr nicht, dass ich krank bin?“ Dann fiel sie zu Boden. Auf dem Platz hörte ich weitere Schüsse, die aus der Kirche kamen. Die Leute schrien verzweifelt, während uns die Deutschen bewachten und unter Kontrolle hielten. Wir waren umzingelt und sie befahlen uns, Richtung Friedhof zu gehen.
Mein Gott, es gibt keine Rettung mehr, wir werden alle sterben!
Und als ich ihnen in ihre Gesichter sah, verlor ich alle Hoffnung. Als wir am Friedhof ankamen, befahlen sie uns anzuhalten; nachdem sie es nicht schafften, das Gittertor zu öffnen, zerschossen es zwei der Soldaten mit ihren Maschinengewehren. Sie befahlen uns hineinzugehen, und ich hörte wieder jenes Wort: Kaputt! Ich suchte vergeblich nach einer Möglichkeit zu fliehen, doch ich riskierte es nicht. Ich sagte zu meiner Mutter: „Komm hier nach vorne, in die Nähe der Kapelle!“ In der Zwischenzeit sah ich zwei Soldaten eintreten: der eine mit einem schweren Maschinengewehr mit Dreibein und der andere mit einem Maschinengewehr. Sie platzierten die Waffen neben der Friedhofswand auf der linken Seite. Weitere kamen herein, Granaten in den Händen haltend, und es begann das Blutbad: entsetzliche Schreie, Weinen; das Maschinengewehr, das unaufhörlich feuerte und die Granaten, die explodierten; der Rauch, der uns nicht mehr atmen ließ; Fleischstücke – Arme, Hände, Köpfe – die durch die Luft geschleudert wurden.
Ich schrie: „Mama, wo ist Gianna, wo seid ihr?“ Keine Antwort. Ich hatte meine kleine Schwester Irene in den Armen. Sie schrie nicht mehr, sie war tot. Ich dachte: „Jetzt stehe ich auf und schlage zurück!“ Dann sagte ich zu mir selbst: „Wenn ich aufstehe, werde ich getötet, dieses Maschinengewehr hört nie auf zu feuern!“ Die Schreie wurden allmählich weniger und ich fing an Blut zu riechen. Ich sah die sterbende Vittoria, die ihre letzten Atemzüge von sich gab. Rund um mich abgetrennte Köpfe und menschliche Überreste. Meine kleine Schwester wurde im Gesicht getroffen, ihr fehlte der halbe Arm und ihr kleines Gesicht, ohne Augen, war zu Brei deformiert. Ich konnte den zwei Deutschen, die fortfuhren ihre Maschinengewehre zu laden, nicht mehr länger in ihre grausamen Gesichter sehen: Die Frau des Schusters aus Gardelletta, Cleofe, war eine starke Frau, die auf Krücken ging. Sie war auf mich gefallen und ein Stück ihres Fußes fiel auf den kleinen Körper meiner Schwester. Ich hörte noch einige weinerliche Klageschreie und dann wurde ich bewusstlos.
Als ich wieder zu mir kam, sagte ich zu mir selbst: „Bin ich am Leben oder tot? Und was, wenn sie mich lebendig begraben?“ Ich betastete mich überall und alles, was ich machte, war die blutgetränkten menschlichen Überreste von mir zu entfernen. Ich dachte, sie wären meine. „Das ist nicht möglich. Ich bin verwundet, ich bin voll mit Blut und nein, ich bin nicht tot!“ Ich weinte und musste an Bertino denken: „Wo wird er wohl sein? Wenn er sehen würde, in welchem Zustand ich mich befinde!“ Unterdessen wurde die Stille immer tiefer und der widerliche Geruch des Todes wurde immer stärker. Das Maschinengewehr hatte aufgehört zu feuern und so versuchte ich, mich zu bewegen. Ich fühlte einen stechenden Schmerz in meinem linken Fuß und blieb dort, auf die Beerdigung wartend.
Plötzlich hörte ich die Stimme eines Kindes: „Die Deutschen sind weggegangen, aber lebt noch irgendjemand?“ Es war der Sohn von Tonelli, der schrie: „Sagt doch was? Seid ihr alle tot? Wenn noch irgendjemand am Leben ist, so sage er doch etwas!“ Ich sah ihn an und antwortete: „Ich bin verwundet, aber ich bin am Leben, denke ich…“ Andere schrien: „Ich bin am Leben! Aber wie kann man von hier fliehen?“ Der Junge ging, um beim Gittertor hinauszublicken. Es war niemand mehr da, zumindest in diesem Moment. Zwei Mädchen standen auf, um wegzugehen. Ich kannte sie, sie waren aus Vado und ich sah sie gewöhnlich beim Dorffest. Ich sagte zu ihnen: „Wartet, ich komme mit euch!“ Ich versuchte aufzustehen, aber ich fiel wieder hin. Ich konnte mich nicht aufrecht halten, der Schmerz war zu stark. Ich schrie: „Ich bin verwundet, ich kann nicht gehen, helft mir!“ Aber sie antworteten: „Wir können nicht, wir haben es eilig!“ Ich brüllte weiter: „Ihr könnt mich nicht hier lassen, sie werden mich lebendig begraben! Ich habe Angst, ich habe Angst!“ Und Vittoria, eine der zwei, sagte: „Also gut, ich versuche, dich auf die Schultern zu nehmen, halte dich an meinem Hals fest!“ Vor dem Tor ließ sie mich kurz hinunter, um mich besser zu positionieren. In jenem Moment sah ich meine Mutter, auf dem Bauch liegend, ihr Kopf war aufgeschlagen und ihre Haare aufgelöst und in Blut getränkt. Vittoria trieb mich an, aber ich bat um einen Moment, um zu sehen, was sie meiner Gianna angetan haben. Ich sah sie – ich erkannte sie anhand ihrer Kleidung wieder – auf dem Bauch liegend, nicht wiederzuerkennen, auch wenn sie noch ein paar Lebenszeichen von sich zu geben schien.
Tonellis Sohn wollte nicht mitkommen. Er sagte: „Ich bleibe hier bei meiner Mama, solange mein Papa nicht kommt, um mich zu holen.“»
(Zeuginnenbericht von Lucia Sabbioni, Il diario del perdono e della rabbia, 2008)
