Die Kernprobleme
Die Produktion der Dokumentation „Was wir durchgemacht haben. Erinnerungen an Monte Sole“ wurde in erster Linie realisiert, um ein konkretes erzieherisches Werkzeug zu schaffen, das die Komplexität und die Vielfalt der Erinnerungen mithilfe der Geschichten der Erzählenden am Monte Sole aufzeigt. Außerdem ist es das Resultat der historischen Nachforschungen, die im Jahr 2005 in Angriff genommen wurden und stetig weitergeführt werden.
Unsere Nachforschungen folgen der historischen Debatte, die schon seit mehr als 10 Jahren im Gange ist. Sie handeln von der Beziehung zwischen den Partisanen und der Zivilbevölkerung, von der Dynamik der nazifaschistischen Verbrechen in Italien und der Entwicklung der verschiedenen, oder vielmehr der gegensätzlichen Erinnerungen verbunden mit den Massakern. Diese Debatte reflektiert die Wurzeln der italienisch-nationalen Nachkriegsidentität und der „Gründungserinnerung der Republik Italien“.
Wir denken, dass es notwendig ist, eine eingehende Diskussion bezüglich dieses Themas zu eröffnen. Auch über die Massaker von Monte Sole, da die Erinnerung an diese, die Politik des Gedenkens in Italien nach dem 2. Weltkrieg stark beeinflusst hat.
Gesellschaftliche und individuelle Erinnerung
Wir empfinden es als wichtig, die Beziehung zwischen dem Konstrukt einer öffentlichen Erinnerung – durchgeführt durch Feierlichkeiten, Monumentalisierung und dem öffentlichen Diskurs und den multiplen individuellen oder kollektiven Erinnerungen der Überlebenden und Familien der Opfer – ausgiebig zu erforschen.
Die Überlebenden sind die Träger der Erinnerungen, die mitunter sehr verschieden sind, die ihre Geschichten wieder und wieder dargelegt haben, und das auch in Verbindung mit bestimmten historischen Ereignissen oder Begebenheiten ihrer persönlichen Geschichte. So wie es auch in dem Video vorkommt, widersprechen sich die Erzählungen oft, bis sie schließlich dieselben Fakten von völlig verschiedenen Blickwinkeln darstellen. Es erweist sich daher am Ende unserer Nachforschungen weniger eine verlässliche historische Rekonstruktion der Ereignisse als interessant, die zum Wahrheitswert der einen oder anderen Darstellung beiträgt, sondern eher das zutage bringen der unterschiedlichen Interpretationen diverser Protagonisten und der gleichen Verzerrungen, die sich in die Erinnerung eingeschlichen haben.
Wie der Autor Portelli sagte: „Es gibt nicht nur eine ‚offizielle‘ und ‚ideologische‘ Erinnerung auf der einen Seite, und eine ‚authentische‘ und ‚reine‘ auf der anderen (wonach, nachdem die erste entschlüsselt wurde, wir uns auf die Wahrheit der zweiten verlassen können). Stattdessen gibt es eine Vielfalt an Erinnerungen, mittelbar auf einem ideologischen, kulturellen und erzählerischen Level.“
Die Analyse dieser Vielfalt an Erinnerungen und der Beziehungen, die zwischen ihnen bestehen, sowie des mitunter angespannt (und oft ideologisch) geführten Dialogs, der sich zwischen ihnen im Laufe der Zeit entwickelte; das Studieren all dieser Elemente kann uns einen vielschichtigen und neuartigen Blick auf die Geschichte des 2. Weltkrieges und der darauffolgenden 70 Jahre liefern, und das auf einem lokalen und nationalen Level.
Die Beziehung zwischen Partisanengruppen und der Zivilbevölkerung
Im Zentrum der Debatte über die verschiedenen Erinnerungen steht das Thema der Beziehung zwischen Partisanengruppen und der Zivilbevölkerung.
Im Fall von Monte Sole wurde diese Beziehung in der Nachkriegs- bzw. Nachkriegsrekonstruktion durch eine starke Idealisierung charakterisiert, welche die völlige Identifizierung der Bevölkerung von Monte Sole mit dem Widerstandskampf darstellte. Demnach habe die gesamte Gesellschaft ethisches und politisches Bewusstsein gehabt, den Werten des Widerstandes zugestimmt und die Brigade „Stella Rossa“ auf allen Ebenen (materiell, logistisch, ideologisch) enthusiastisch unterstützt.
Bezüglich der Erinnerung an die Resistenza, und im Besonderen über die Beziehung zwischen Partisanengruppen und der Zivilbevölkerung schrieb der Autor Paggi: „Die Handlungen einer aktiven Minderheit werden auf die gesamte Bevölkerung ausgedehnt, mit der Absicht, die sogenannte ‚Nationalisierung‘ der Opfer des Nazifaschismus voranzutreiben. Das heißt, die Strategie der Re-Legitimierung des Nationalstaats durch das Konstruieren von Traditionen und einer ethisch-politischen Legende, welche die Fakten in einer eher prosaischen Realität idealisiert.“ Die Konstruktion dieses „Resistenza-Mythos“ brauchte eine Neuerfindung der kollektiven Identität, die ihre Wurzeln in einem großen demokratischen und antifaschistischem Kampf finden sollte, geteilt und unterstützt von der gesamten italienischen Bevölkerung. Auch, um die Unterstützung der Massen des Faschismus, die kollektive Verantwortung für die Rassengesetze und die Kriegsverbrechen zu vergessen. Das idyllische Bild der Resistenza als ein gemeinsamer Kampf der gesamten Bevölkerung wurde als große Zeremonie der Selbst-Absolution der Italiener dargestellt. Wir glauben, dass es heutzutage essentiell ist, dieses „antifaschistische Paradigma“ abzubauen, um eine komplexere und eine der Wahrheit eher entsprechende Geschichte wiederherzustellen. Eine Geschichte, die die verschiedenen Einstellungen miteinbezieht und in der die Beziehung zwischen Bevölkerung und Partisanen sich ständig verändert und nicht mehr verallgemeinert wird. Das ist was die Autoren Pizzino und Battini als Diskrepanz zwischen der „kämpfenden“ Resistenza und der Resistenza als „politischem Mythos“ definierten.
Oft – wie es auch in den Zeitzeugenberichten der Dokumentation vorkommt – identifizieren sich die Überlebenden des Monte Sole nicht mit dem „Resistenza-Paradigma“, sondern sehen sich mehr als unschuldige Opfer in einer Geschichte, in der sie keine Hauptdarsteller sind. In der Rekonstruierung der Geschehnisse und der Sammlung der Aussagen der Zeitzeugen wird das Massaker nicht in einen breiteren Kontext gesetzt, der die Gewaltmechanismen teils erklären könnte. Die Deutschen werden eher als Naturkatastrophe verstanden, beinahe frei von menschlicher Verantwortung, während manchmal die bloße Anwesenheit der Partisanen für ein Massaker als ausreichend angesehen wird. Daher wurden die Partisanen der Sündenbock für eine Tragödie, nur weil sie die charakteristischen Eigenschaften besaßen, welche die einzelnen Personen dazu gezwungen hat, Stellung zu beziehen. Sie sind Minderheiten, die sich innerhalb und außerhalb der Gesellschaft befinden, sie begehen Kriegshandlungen, obgleich ohne jegliche offizielle Befugnis.
Die Notwendigkeit jemandem Nahestehenden für das, was passiert ist, verantwortlich zu machen, entspringt dem Bedürfnis nach einer sinnhaften Erklärung für eine so schreckliche Situation, dem Bedürfnis, eine logische Verkettung zu finden, die das Faktum selbst erläutert. (Zum Beispiel: Kriegführung von „rechtswidrigen Einheiten“ – den Partisanen – und die „natürlichen“ Repressalien der deutschen Armee.)
Andererseits wird den Partisanen von vielen Überlebenden vorgeworfen, sie nicht adäquat verteidigt zu haben nachdem sie von ihnen durch ihre Handlungen einem erheblichen Risiko ausgesetzt wurden. Trotz ihres Wissens von der erheblichen Überzahl der Deutschen über die Truppen der Stella Rossa besteht unter den Überlebenden* noch immer der Vorwurf an die Partisanen, nicht alles in ihrer Macht stehende getan zu haben (bzw. sich nicht selbst geopfert zu haben), um die Zivilbevölkerung zu beschützen.
* bei den Massakern des Monte Sole handelt es sich bei den Überlebenden großteils um Partisanen und erwachsene Männer, die sich in den Wäldern versteckten.
Die offiziellen Gedenkfeiern und die Errichtung des Monuments von Marzabotto
Bei der Rekonstruktion der Verantwortung für die Massaker (in den letzten Jahren von den Angehörigen der Opfer durchgeführt), hat die öffentliche Gedächtniskultur eine große Rolle gespielt.
Die offiziellen Gedenkfeiern wurden zu heroischen Feierlichkeiten der Kämpfer der Stella Rossa. In der Historiographie und den Publikationen, die unmittelbar nach dem Krieg geschrieben wurden, wurde der Fokus zu einem großen Teil auf die Partisanenbrigaden und deren heroischen Widerstand gegen die deutschen Attacken gerichtet. Die Motivation wird durch die Verleihung der Tapferkeitsmedaille im Jahr 1946 aufgezeigt: „[…] Anstatt sich dem Unterdrücker zu unterwerfen, entschied sich Marzabotto für Eisen, Feuer und Zerstörung. 14 Monate ertrugen sie die Distanz der teutonischen Horden, welche die Würde der Söhne, die oben auf den Hügeln des Monte Venere und des Monte Sole lagen, nicht bezwingen konnten. Dort gehalten durch die Liebe und Anregung von den Frauen, Kindern und Älteren. Die skrupellosen Massaker an unbewaffneten Jünglingen, glücklichen Ehefrauen, schwachen Eltern, konnten sie nicht bändigen, und die 1830 Toten ruhen in den Bergen, während es in den Tälern immer eine Erinnerung daran sein wird, was Liebe für das Vaterland bedeuten kann.“
Um die Geburt und die Entwicklung der Anti-Partisanen-Erinnerung zu verstehen, müssen verschiedene Faktoren in Kontext gebracht werden. Die manchmal problematische Beziehung zwischen Partisanen und Zivilbevölkerung, das durch die Massaker provozierte Trauma, das Spannungen, die zuvor nur geladen sind, zum Explodieren bringt, und die Frage von Erinnerung und offiziellen Feierlichkeiten. All das ließ den Groll in den Familien der Opfer über die Jahre hinweg wachsen. Was man aus den Darstellungen der Überlebenden erkennen kann ist, dass ihr Leiden instrumentalisiert wird. Während sie sich selbst als „unschuldige“ Opfer präsentieren, außerhalb jeglicher historisch-politischer Dynamik, nationalisiert der öffentliche Diskurs ihr Leiden und macht sie zu „Märtyrern der Freiheit“ (vgl. die zuvor erwähnte Tapferkeitsmedaille für Marzabotto). Manche Familien versuchen auf verschiedene Weise die Nationalisierung zu vermeiden und entwickeln eine Anti-Partisanen-Erinnerung. Unserer Interpretation nach, scheint diese Erinnerung eine Reaktion auf die Konstruktion des Mythos des heroischen Partisanen zu sein. Der Grund dieses Grolls war weniger der Kampf der Partisanen und wie er von der lokalen Gemeinde während des Krieges erlebt wurde, sondern mehr wie der „Partisanenheld“ und die „antifaschistische Resistenza“ erfolgreich mythologisiert wurden.
Die gleiche Art von Spannung wie zwischen institutioneller Politik des Gedenkens und der individuellen Erinnerung finden wir in dem Fall der Konstruktion des Monuments von Marzabotto, fertiggestellt 1960. Das Massaker fand an 115 verschiedenen Orten statt, verstreut über eine großflächige, gebirgige Gegend, in Teilen der Gemeinden Marzabotto, Monzuno und Grizzana. Der Geschichte des Begräbnisses der Opfer vernahm einen ungewöhnlichen Lauf. Kurz nach den Massakern wurden die Opfer in Eile und voll Wut in Massengräbern begraben. In einem zweiten Anlauf wurden sie in verschiedenen kleinen Friedhöfen der Umgebung zur Ruhe gesetzt, bevor sie letztendlich allesamt in den 1950ern im Monument bestattet wurden. Das Monument von Marzabotto untersteht, ähnlich wie viele andere militärische Monumente des 2. Weltkriegs, dem Verteidigungsministerium und wird vom „Generalkommissariat für die Ehrung von Kriegsopfern“ geführt.
Unsere Nachforschungen haben ergeben, dass der Bau des Denkmals von den Familien der Opfern wie eine Enteignung der Überreste ihrer Geliebten wahrgenommen wurde, und das Bestatten im neu errichteten Monument wie eine unrechtmäßige Standortverlegung des Erinnerungsortes; von den kleinen Bergfriedhöfen in der Umgebung des Monte Sole, zu einer monumentalen Konstruktion im Zentrum eines der Dörfer des Massakers, welches sowohl die Toten des 1. Weltkrieges, als auch die des 2. Weltkrieges (Zivilisten und Militärs zusammen) in sich versammelt. Dies ist ein viel sagendes Beispiel von Spannungen zwischen individuellem Gedenken und gesellschaftlichem Gedenken und zwischen dem Bedürfnis, den Trauerfall für sich zu verarbeiten, sich im privaten Rahmen zu erinnern und der Notwendigkeit, die Opfer der Massaker zu „nationalisieren“, wodurch sie in öffentliches und damit geteiltes Erbe verwandelt werden.
Der Schrank der Schande und der Prozess
In den letzten Jahren konnten die Überlebenden und die Familien der Opfer eine Welle an Weiterentwicklung von individuellem und kollektivem Erinnern erleben. Die Untersuchungen und die Eröffnung des Prozesses über die Massaker von Monte Sole, der von Jänner 2006 bis Jänner 2007 vor dem Kriegsgericht von La Spezia geführt wurde. Der Grund warum es erst nach 62 Jahren möglich war, diesen Prozess zu führen, kann in der Geschichte vom „Schrank der Schande“ gefunden werden. Dieser Ausdruck fasst die Geschichte von 695 Dokumenten gerichtlicher Untersuchungen zusammen, die von Italienern und Alliierten zwischen 1944 und 1950 zusammengestellt und geführt wurden. Die Untersuchungen befassten sich mit den Massakern und Kriegsverbrechen, die von den Nazifaschisten zwischen dem 8. September 1943 und dem 25. April 1945 in Italien begangen wurden. Diese Dokumente wurden 1960 vom Militäranwalt General Enrico-Santacroce in der Militärstaatsanwaltschaft Rom illegalerweise archiviert und erst 1994 wieder ans Tageslicht gebracht. Daraufhin wurden Untersuchungsverfahren über Dutzende von Massakern eröffnet, darunter: Civitella Val di Chiana, Sant’Anna di Stazzema und Bardine-S.Terenzo. Bezüglich Monte Sole wurden die Ermittlungen im Jahr 2002 eingeleitet. Sie führten zur Eröffnung des Prozesses im Februar 2006.
Die Geschichte des „Schranks der Schande“ und des Prozesses stellt für die Familien der Opfer und die Institutionen der Umgebung eine andere Art des kollektiven Erinnerns an diese so tragischen Geschehnisse dar. Dabei handelt es sich um einen öffentlich-kollektiven Ritus, der über die normale Dynamik von Gedenkfeiern hinausgeht. Die Durchführung dieses „Ritus“ erlaubt Familien und Überlebenden, nicht nur ihre Geschichte zu erzählen, sondern das an einem Ort, dem Gerichtshof, zu tun, an dem es geschätzt, legitimiert und als essentielle Quelle für das Erreichen von Gerechtigkeit erachtet wird. Es erlaubt ihnen außerdem, die Geschichten von anderen zu hören. So werden diese mit ihren eigenen, in einer klaren und detaillierten historischen Darlegung dargestellt, und das möglicherweise zum ersten Mal. Die Anforderung, diese Geschehnisse in ihrer Komplexität von einem juristischen Blickwinkel aus exakt wiederherzustellen, bedarf der Rekonstruktion des Geschehenem ohne Rhetorik und der Teilnahme all jener, die etwas sagen können und wollen. Viele Überlebende und Familienangehörige der Opfer, sogar jene, die sich immer aus dem öffentlichen Diskurs herausgehalten haben, fühlten sich in diesem Fall verpflichtet, auszusagen, um so ihren Anteil zu diesem großen kollektiven Ritus beizutragen. Dieser Ritus wurde an einem symbolischen und offiziellen Ort, wenn auch mit verschiedenen Erwartungen und in manchen Fällen mit Widerstrebungen und innerem Widerstand vollzogen.
In diesem Kontext wurden die Institutionen – die seit jeher die Stimmen des offiziellen Erinnerns sind – aktiv, um alle Zeitzeugen zu mobilisieren und ihnen logistisch bei der Teilnahme an der Debatte und bei Treffen mit Anwälten zu helfen. Dies ermöglichte es auch jenen Zeugen, die sich im Laufe der Jahre von den Institutionen und der öffentlichen Erinnerungsarbeit distanziert hatten, mit ihnen in Kontakt zu treten, um ein mehr oder weniger gemeinsames Ziel zu verfolgen: die Rekonstruktion der Geschehnisse am Monte Sole, die Identifizierung und Klärung der Verantwortung einiger Soldaten für diese Ereignisse und die Verurteilung der Angeklagten und die damit verbundene finanzielle Entschädigung der Opfer und ihrer Familien.
"Was wir durchgemacht haben. Erinnerung an Monte Sole."
„Was wir durchgemacht haben. Erinnerungen an Monte Sole“ beinhaltet sechs Lebensberichte von Überlebenden und Partisanen, die aus denen in unseren Nachforschungen gesammelten ausgewählt wurden. Die Berichte wurden in der Dokumentation nach den Kernthemen und Problematiken geordnet, die während unserer Recherche auftauchten. Diese Themen erweisen sich sowohl für die pädagogischen Ziele der Dokumentation als auch für die historiographische Debatte über die „Poetik und Politik der Erinnerung“ als zentral. Um die Erinnerungen der Protagonisten zu verstehen und zu kontextualisieren, hielten wir es für notwendig, den Fokus nicht nur auf das Erzählen der Gräueltaten zu legen, sondern auf die gesamte Lebensgeschichte. In dieser stellt das Massaker eine Trennlinie zwischen dem „Bevor“ und „Danach“ und ein unumgängliches Element der Geschichte dar. Wir wollten, dass die persönlichen und einzigartigen Biographien der Protagonisten des Videos – Männer und Frauen – nicht nur als Quellen der historischen Rekonstruktion fungieren, sondern in erster Linie als Überbringer individueller und während der Jahre verarbeiteter Erinnerungen gesehen werden – ausgehend vom jeweiligen sozialen, kulturellen und politischen Kontext und den Ereignissen, die ihr Leben geprägt haben.
Die Dokumentation beginnt mit einem Kapitel, das der Kindheit der Protagonist*innen gewidmet ist. Darin finden sich Einblicke in deren Familien, ihr tägliches Leben und eine Beschreibung der Welt, in der sie lebten. Das nachfolgende Kapitel verbindet die individuellen Geschichten mit dem historisch-politischen Kontext dieser Jahre und dem System des Faschismus.
Dieser erste Teil ist notwendig, um zu verstehen, wie die*der jeweilige Protagonistin*Protagonist in Zusammenhang mit dem Kontext stand, wie viel sie*er über die politische Situation wusste und welche Weltanschauung sie*er vertrat. Er ist wichtig, um zu verstehen, wie all dies nicht nur die weiteren Lebensentscheidungen beeinflusst hat, sondern auch die Verarbeitung des Massakers. Das Portraitieren des Lebens vor diesem traumatischen Ereignis ist geprägt von einem deutlichen Bruch, dem Massaker. Die Darstellung der Dynamiken des Massakers wird von der jeweiligen Weltanschauung beeinflusst, welche vom Umfeld abhängig ist, in dem jemand aufgewachsen ist. Die nachfolgenden Kapitel sind der Erzählung der persönlichen Geschichte während des Massakers, den Interpretationen jener Ereignisse und den Problemen, die wir hier beschrieben haben, gewidmet (Vgl. über die Beziehung zwischen Partisanen und Zivilbevölkerung, Gedenkveranstaltungen, die Gedenkstätte, der Prozess).
Danach wird die Dokumentation mit den Worten weitergeführt, mit denen die Protagonisten ihr Verhältnis zu ihrer eigenen Erinnerung beschreiben und sie sprechen vom Bedürfnis und den Schwierigkeiten darüber zu erzählen. Hier taucht die intime Dimension des Erinnerns auf: die Träume, das Verdrängen, die Unmöglichkeit dieses Grauen auszudrücken, die Zusammenhänge in der Erinnerung, das tägliche Leben und die Last der Gegenwart. All dies gibt dem Zuhörenden einen Einblick in die dramatischen und komplexen Dimensionen dieser privaten Erinnerungen und deren Einzigartigkeit. Sie erlauben uns, unsere Aufmerksamkeit auf jene Personen nicht nur als Protagonisten eines historischen Ereignisses zu richten, sondern als Individuen, Träger einer privaten Tragödie, in der sie in einem Augenblick ihre Gemeinschaft, ihr Zuhause und ihre Familie verloren.
Der letzte Teil dreht sich darum, wie wertvoll die Übermittlung der Erinnerung den Protagonisten ist und berührt die Themen Verzeihung, Gerechtigkeit, Friede und Krieg. Die persönliche Reflexion der Protagonisten über diese Themen verknüpft sich mit ihrem Willen, der eigenen Erfahrung einen Sinn zu geben, indem sie diese in der Gegenwart verwurzeln.
Eine orale historische Nachforschung über ein solch dramatisches Ereignis bringt viele, auch emotionale, Schwierigkeiten mit sich. Es ist nicht einfach, während des Interviews eine kritische Distanz beizubehalten. Die klare Perspektive und die Objektivität werden auf eine harte Probe gestellt. Der Schmerz des Interviewpartners kann den Interviewer so sehr beeinflussen, dass er die Ziele der Nachforschung selbst aus den Augen verliert. So wie auch Antonius Robben sagte: „Die kritische Distanz zwischen den Gesprächspartnern bricht völlig zusammen, wir verlieren jegliche Dimension der wissenschaftlichen Verpflichtung. Übermannt von den Emotionen, brauchen wir keine weitere Erklärung mehr, denn wir empfinden, dass alle Fragen schon eine Antwort erhalten haben. Was gibt es noch zu fragen? Was gibt es noch zu sagen? Was wollen wir noch wissen? Was gibt es noch zu wissen?“
Für uns, die wir schon eine starke intellektuelle und emotionale Beziehung zu Monte Sole besaßen, rief das Kennenlernen und das Zuhören der Geschichten dieser Menschen einiges wach. Einerseits einen Konflikt mit unserer „wissenschaftlichen Arbeit“, die wir durchzuführen versuchten und andererseits wurde uns ermöglicht, noch tiefer in jenes Geflecht der menschlichen Leidenschaft, der Geschichte, der zerschnittenen Erinnerungen, dem Leiden und der Nostalgie einzublicken. All dies drängt uns – trotz der emotionalen Schwierigkeiten, die damit verbunden sind – dazu, mit den Nachforschungen und den Studien weiterzumachen, mit dem Bewusstsein der Notwendigkeit dieser Arbeit, öffentlich zu machen, was diese Menschen in all diesen Jahren nicht zu erzählen vermochten.
Wir denken, dass es wichtig ist, verschiedenen Stimmen zuzuhören, selbst wenn diese unangenehm sind oder mit der öffentlichen Erinnerung nicht übereinstimmen. Nicht für eine neuartige öffentliche Verwendung von Erinnerung und Geschichte, sondern um zur Konstruktion eines Bildes beizutragen, in dem keine Erinnerung eine andere dominiert.
Wie der Historiker Peolo Pezzino sagte: „Jede dieser Erinnerungen hat Wurzeln, Gründe, Argumente, die angehört und studiert werden; diese Argumente werden nicht geteilt, weil der Historiker immer eine Distanz bewahren muss. Dessen ungeachtet, werden sie jedoch angehört und vor allem ans Tageslicht gebracht.“
Essentielle Bibliographie
Hier finden Sie einige Literaturhinweise (ausschließlich in italienischer Sprache), die wir für die Wissensvertiefung über die Geschehnisse am Monte Sole für hilfreich erachten.
Eine kürzlich angestellte historische Nachforschung (Pezzino, Baldissara 2009) hat endlich die ganze Komplexität der Geschichte von Monte Sole wiedergegeben, 65 Jahre nachdem das Massaker verübt wurde. Der Text wird zu Beginn dieser Bibliographie angeführt und bildet zu diesem Zeitpunkt die wichtigste Referenz für jeden, der sich mit den tragischen Ereignissen von 1944 auseinandersetzten möchte.
Angesichts der extremen Komplexität dieser Geschichte, der vielfältigen Erinnerungen und allem, was über diese Ereignisse geschrieben wurde und noch geschrieben wird, enthält diese Bibliographie eine Reihe von Texten, die höchstens Schlüssel in Form von Lektüre und diverse Interpretationen dessen, was geschehen ist, liefern können. Nichtsdestoweniger trägt jedes dieser Bücher einen wertvollen Teil dazu bei, ein kritisches Verständnis für die Geschichte dieses Ortes zu fördern.
Bibliographie:
- Eccidi di Monte Sole: la storiografia e la memorialistica
- LUCA BALDISSARA, PAOLO PEZZINO (a cura di): Un massacro. Strage di civili a Monte Sole, Il Mulino, 2009
- SCUOLA DI PACE DI MONTE SOLE (a cura di Marzia Gigli, Maria Chiara Patuelli e Comunicattive): Quello che abbiamo passato. Memorie di Monte Sole (documentario), Bologna,2007
- KLINKHAMMER LUTZ: Stragi naziste in Italia, Universale Donzelli
- GHERARDI LUCIANO: Le querce di Monte Sole. Vita e morte delle comunità martiri fra Setta e Reno. 1898-1944, Il Mulino, 1986
- LIPPI GIAMPIETRO: La stella Rossa a Monte Sole, Ponte Nuovo editrice Bologna, 1989
- DARIO ZANINI: Marzabotto e dintorni 1944, Bologna, 1996
- GIORGI RENATO: Marzabotto parla, Marsilio Editore, 1955
- LUCIA SABBIONI: Diario del perdono e della rabbia, Bologna 2006
- FRANCO FONTANA: La staffetta, Edizioni oltre i portici, 2007
