Caprara: Der folgende Bericht stammt von Salvina Astrali (sie war 15 Jahre alt)

Sie verlor 8 Verwandte am 29. September 1944

Als wir die Schüsse hörten, entschieden wir uns von Villa d’Ignano nach Caprara zu gehen, weil sich meine Mutter dort sicherer fühlte. Wir banden die Kühe an die Fuhrwägen an und brachen auf und mit uns gingen auch vier weitere Familien weg. Wir erreichten Caprara am Abend vor der Durchkämmung. Ich konnte mich retten, denn an dem selben Abend sprach ich mit meiner Mutter: „Wir haben alle Tiere beim Landhaus gelassen, alle Kühe, ich gehe dorthin, um sie zu holen.“ Ich ging mit meinen Freundinnen los und ich kehrte zum Landhaus zurück. Während wir auf dem Weg waren, trafen wir meinen Vater, der sagte: „Kinder, geht zurück. Auch Caprara wird durchkämmt. Deine Mutter hat mich weggeschickt, denn sie sagt, dass sie den Frauen und Kindern nichts tun, die Männer nehmen sie jedoch mit und bringen sie nach Deutschland.“ Wir kehrten also um und kamen bei Tura vorbei, wo es einen Partisanenunterschlupf gab und Ettore (Anm. d. Red.: Ettore Benassi, Partisan der Stella Rossa) sagte mir: „Aber wohin geht ihr denn?“ Wir erzählten ihm alles und er sagte: „Bleibt hier.“

Am nächsten Tag erreichten uns meine zwei Schwestern… wer erkannte sie schon wieder, so, wie sie zugerichtet waren… voll mit Blut und Fleisch, sie hatten ein bisschen was von allem an sich. Die eine hatte eine schwere Verbrennung in den Augen, sie sah uns nicht. Die andere hatte zwei Kugeln direkt im Gesäß, zwei offene Wunden, in die zwei Fäuste hineinpassten… Was für eine Tortur es für die beiden gewesen sein muss, dort nach Tura zu kommen… Die eine, die uns nicht sehen konnte trug die andere, die nicht mehr gehen konnte auf den Schultern und die auf den Schultern führte die Schwester, die nichts sah. Es waren viele Menschen dort und als sie den Bericht von meinen Schwestern hörten und dass in Caprara alle tot waren und niemand überlebt hatte, brachen sie alle fluchtartig auf, sie hatten alle Angst. Alle waren geflüchtet bis auf den Arzt, der uns sagte: „Ich habe nur noch eine Injektion. Wenn diese wirkt, gut. Wenn nicht, weiß ich beim besten Willen nicht, wie ich sie retten kann, deine Schwester.“ Die Injektion des Doktors und unsere Behandlung mit Wasser und Salz wirkten, wir konnten sie retten.

Meine Schwestern erzählten, dass sie sich retten konnten weil eine Vitrine auf sie gefallen war und sie darunter liegen blieben. Sie erzählten mir, dass sie das Schreien hörten, es waren so viele Kinder, deshalb haben so wenige überlebt und das Maschinengewehr auf dem Fenster schoss; als die Kinder alle tot waren, flüchteten die wenigen, die überlebt hatten. Sie hörten außerdem, dass draußen Leute waren, die auch Italienisch sprachen. Jene, die schossen waren nicht nur Deutsche, sondern auch Italiener – die Republikaner.

Ich verlor in Caprara meine Mutter und drei Schwestern und von der Seite meines Ehemannes sieben Schwager und meine Schwiegermutter, die Familie Lubini. Nur mein Mann überlebte, da er in Deutschland war. Mein Schwiegervater hat sich niemals über das, was er erlebt hatte befragen lassen, er behielt den Schmerz für sich und aus. Eines der 8 Kinder war gerade einmal 20 Tage alt und mein Schwager (sein Vater) hat nur die Federn des Kissens gefunden; einen älteren Sohn fand er rittlings am Fenster mit einem Schwein, dass an seinem Kopf fraß…

Ich musste meine Schwestern und meinen Vater pflegen, die alle verletzt waren und ich kehrte nicht nach Caprara zurück. Ich war 14 Jahre alt. Niemand von uns kehrte nach Caprara zurück, wir wussten, dass alle tot waren.

(Die Aussage wurde in der Videodokumentation Was wir durchgemacht haben behandelt, Friedensschule Monte Sole, 2007)