Casaglia: Die Zeugenaussage von Lidia Pirini (17 Jahre)

Es war der 29. September um 9 Uhr morgens. Bei der Nachricht von der Ankunft der Deutschen, bevorzugte ich, nach Casaglia zu fliehen, denn Cerpiano erschien mir weniger sicher. Somit verließ ich meine Familie und ich war nicht bei ihnen, als sie sie ermordeten. Meine Mutter und meine 12-jährige Schwester, 8 Cousins und 4 Tanten wurden am 29. und 30. September in Cerpiano massakriert. Am 29. verwundeten sie sie nur, und am 30. kamen die Nazis zurück, um sie endgültig zu ermorden.

Als wir in Casaglia überzeugt waren, dass die Nazis bald kommen würden, denn man hörte Schüsse und sah den Rauch der Brände, wusste niemand, wohin zu laufen und was zu tun war. Schließlich flüchteten wir uns in eine Kirche, eine ziemliche große Kirche, halb voll und Don Marchioni fing an, den Rosenkranz zu beten. Später erfuhr ich, dass sie ihn tot zu den Füßen des Altars aufgefunden hatten, damals hatte ich das nicht mitbekommen. Jetzt erzähle ich nur, an was ich mich noch erinnern kann.

Ich habe die Nazis nicht gesehen als sie kamen. Ich hatte Angst, ihnen ins Gesicht zu blicken. Sie schlossen das Tor der Kirche und drinnen schrien alle vor Angst, ganz besonders die Kinder. Nach Kurzem kamen sie zurück, um die Tore zu öffnen und sie stellten uns in ihre Mitte und brachten uns zum Friedhof: Sie mussten das Schloss mit den Gewehren auseinandernehmen, weil sie es nicht öffnen konnten.

Sie drängten uns gegen die Kapelle, zwischen den Gedenksteinen und den Kreuzen aus Holz. Sie hatten sich in den Ecken platziert und hingekniet, um besser visieren zu können. Sie hatten Maschinengewehre und Gewehre und begannen zu feuern. Ich wurde von einer Gewehrkugel in den Oberschenkel getroffen und fiel bewusstlos nieder. Als ich wieder zu Bewusstsein kam und die Augen öffnete, war das Erste, das ich sah, die Nazis, die noch immer im Friedhof herumgingen. Dann wurde mir bewusst, dass neben und auf mir andere waren. Sie waren tot und ich konnte mich nicht bewegen. Direkt auf mir befand sich ein Junge, den ich kannte, er war steif und kalt. Glücklicherweise konnte ich atmen, weil sich mein Kopf außerhalb des Leichenhaufens befand. Ich erinnere mich auch an den Schmerz in meinem Oberschenkel, der immer stärker wurde. Sie hatten mir den Knochen zersplittert und er ist nie wieder ganz genesen, nicht einmal nach Monaten und Jahren der Behandlung.

Es kam der Abend und die Nacht, ich war die ganze Zeit dort begraben ohne, dass ich mich traute, zu schreien oder zu klagen, da ich Angst hatte, auch wenn der Schmerz unerträglich war und ich aufgrund all der toten Menschen auf mir nicht mehr atmen konnte. Rund um mich hörte ich das Klagen von einigen Verletzten. So verbrachte ich die Nacht und praktisch den gesamten 30. September. Am späten Nachmittag kam schließlich ein Mann, der auf der Suche nach seinen Verwandten war. Dort fand er alle massakriert und eine verwundete Verwandte, die er vom Leichenhaufen wegbrachte. Ich rief nach ihm und er kam nahe zu mir: „Alle tot”, sagte er. „Frau und Kinder, alle tot.“ Ich vergaß ihn zu fragen, mich aus meiner Position herauszuziehen, ebenso wenig schien er auf diese Idee zu kommen. Ich bat ihn jedoch, zurückzukommen und mir zu helfen, nachdem er seiner Verwandten geholfen hätte. Er versprach es mir, vorausgesetzt, er würde keine Präsenz der Nazis mehr bemerken. So ging er also fort und ich verblieb, um zu warten. Gegen Abend, es war noch hell genug um sehen zu können, fand ich schließlich die Kraft, um mich aufzuraffen und die Leichen wegzustoßen und allmählich entfernte ich mich vom Friedhof.

(Augssage bearbeitet von Renato Giorgi, Marzabotto parla, 1955)